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1. Kolloquium "integral planen, nachhaltig bauen, wirtschaftlich betreiben"

Verstehen, verändern, verbessern

Gute Gebäude, die den Nutzern langfristig Freude bereiten, beruhten und beruhen nie auf dem "Ego-Trip" eines einzelnen Architekten, Fachplaners oder TGA-Fachingenieurs, sondern entstanden und entstehen immer aus einer soliden Teamleistung heraus. Daran wird auch das Wörtchen BIM (Building Information Modeling) nichts ändern. Warum dann eigentlich das große Tohuwabohu um das Thema?

Ganz einfach: BIM und damit der Mega-Trend "Digitalisierung von Gebäuden und Infrastrukturen" führen zu neuen Denk- und Arbeitsweisen, die manchen liebgewonnenen Prozess grundlegend infrage stellen. Die drei wichtigsten Schlagworte dabei: Kommunikation, Koordination und Kollaboration. Da darf sich jeder an der Wertschöpfungskette Bau Partizipierende gerne an die eigene Nase fassen – vor allem das war das Ergebnis vom 1. Kolloquium "integral planen, nachhaltig bauen, wirtschaftlich betreiben" des HeizungsJournal-Verlags.

Die Teilnehmer des 1. Kolloquium
Quelle: Robert Donnerbauer
Das 1. Kolloquium "integral planen, nachhaltig bauen, wirtschaftlich betreiben" des HeizungsJournal-Verlags bot Anfang März 2018 einen willkommenen Kontrast zur Fachmesse SHK Essen. 45 Teilnehmerinnen und Teilnehmer lauschten den Vorträgen der fünf ausgewiesenen Experten in Sachen Integrale Planung und Building Information Modeling.

Haben Sie in letzter Zeit einmal nach dem Stichwort BIM bzw. Building Information Modeling "gegoogelt"? Sage und schreibe 60.300.000 bzw. 12.200.000 Treffer in einer halben Sekunde gibt die Suchmaschine aus!

Auf Seite 1 der Ergebnisliste buhlen nicht nur die üblichen Verdächtigen – also vor allem Softwareanbieter – um die Gunst des Wissensdurstigen, sondern da tummeln sich neben "Wikipedia" auch allerlei andere Plattformen, die für sich in Anspruch nehmen, das Wörtchen BIM ganz genau und allumfassend erläutern zu können. Endlich auf Seite 2 angekommen, verliert man dann (wie so oft) beim wilden Surfen im Netz die Lust am eigentlichen Thema. Das Angebot ist einfach zu groß, zu undurchsichtig.

Noch dazu wird selbst dem blauäugigsten "Googler" schnell klar, dass das, was da zum Begriff BIM geschrieben steht, häufig in der Sache stark voneinander abweicht. Da werden die drei Buchstaben zum Beispiel in einem Fall gnadenlos politisch ausgeschlachtet – nach dem Motto: "Volle Kraft voraus für die Digitalisierung des Hochbaus!"

Da wird BIM in einem anderen Fall als die ultimative Waffe gegen alle Übel verklärt, die ein Bauprozess eben mitbringen kann (wenn man den gesunden Menschenverstand missachtet) – nach dem Motto: "Planungs- und Prozessqualität steigt, bei niedrigeren Kosten und verbesserter Termintreue!" Im dritten Fall ist dann der Satz zu lesen, welcher in jenem Kontext sicherlich am inflationärsten gebraucht wurde und wird: "BIM revolutioniert das Bauen!"

Spätestens bei diesem spontanen "Google"-Treffer muss doch jeder gestandene Planungs- und Bauprofi (vor Wut) erröten oder zumindest halblaut die Frage stellen: "Arbeiten wir aktuell mit Feuerstein und Faustkeil?"

Derartige (verständlich-menschliche) Reaktionen kann man aktuell bei vielen Veranstaltungen, Vorträgen und Seminaren zu diesem Thema wahrnehmen. Nicht wenige am Bauprozess Beteiligte sehen im Wörtchen BIM eben keine niedlich-harmlose Abkürzung, sondern einen generellen Angriff auf ihre Arbeit, ihr Tun und Handeln in den eigenen vier (Planungs-)Wänden!

Und dann wird Building Information Modeling immer noch viel zu häufig direkt mit Softwarelösungen verquickt: Mittlerweile ist das Misstrauen gegenüber den teilweise vollmundigen Versprechungen mancher Anbieter regelrecht greifbar. In der Tat: Es hat sich in der Zwischenzeit herumgesprochen, dass die BIM-Bewegung unübersichtlich viele Softwarehäuser und noch mehr Daten-Plattformen auf den Plan gerufen hat. Dass dieses Misstrauen seitens der potentiellen Anwender verheerende Auswirkungen auf die Weiterentwicklung der Bauwirtschaft hat, braucht man an dieser Stelle nicht weiter definieren.

"BIM ist ein Geschäftsmodell bestehend aus Nullen und Einsen" – sollte das tatsächlich als finale Quintessenz übrig bleiben, so würde das erheblichen Schaden anrichten. Die Glaubwürdigkeit der gesamten Baubranche wäre nachhaltig geschädigt und ihre Innovationskraft wäre dauerhaft infrage gestellt.

In der Ruhe und Besonnenheit liegt die Kraft…

Wir können heute – Mitte des Jahres 2018 – festhalten, dass der erste BIM-Hype in Deutschland, die erste große Welle abgeebt ist. Es hat sich sozusagen alles ein bisschen normalisiert – zum Glück. Die nun folgende Phase ist deshalb umso wichtiger.

Aus diesem Grund kam auch das 1. Kolloquium "integral planen, nachhaltig bauen, wirtschaftlich betreiben" des HeizungsJournal-Verlags eigentlich gerade recht und nicht etwa viel zu spät. Oder anders ausgedrückt: Man braucht sich als Planer, Ingenieur und Architekt nicht zu schämen, wenn man die Dinge erst einmal aus der Distanz oder vielleicht auch mit etwas Respekt beobachtet. Schämen sollte man sich aber dann, wenn man an dieser Stelle meint, dass einen das ganze BIM-Tohuwabohu so gar nichts angeht. Denn eines sei diesen Zeitgenossen versichert: Die Erde ist keine Scheibe und die Sonne dreht sich nicht um sie.

Was ist also jetzt zu tun?

BIM muss in erster Linie als das Thema begriffen werden, was es im Kern ist – nämlich eine Datenhaltungssystematik, welche den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks umspannen kann. BIM muss als Initialzündung begriffen werden, die eigene Arbeit kontinuierlich zu verbessern.

Architekt Dipl.-Ing. (FH) Oliver John, Leiter Prozess-Administration bei Plandata, betonte: "Kaum ein Begriff beflügelt die Phantasie der am Bau beteiligten planenden und ausführenden Disziplinen so sehr wie das Building Information Modeling. In Zeiten mangelnder BIM-Standards steht und fällt die Qualität einer BIM-Planung jedoch mit der Qualität des BIM-Konzeptes und den einschlägigen Vorgaben des Auftraggebers. Eindeutige Zieldefinitionen sind Grundvoraussetzung dafür!"

Oliver John von Plandata während seines Vortrags beim 1. Kolloquium
Quelle: Robert Donnerbauer
Oliver John, Plandata: "Kaum ein Begriff beflügelt die Phantasie der am Bau beteiligten planenden und ausführenden Disziplinen so sehr wie das Building Information Modeling."

Die Zeiten sind demnach vorbei, in welchen Gebäude einfach von Planern entwickelt und dann – ruckizucki – zur Ausführung (durch wen auch immer) gebracht wurden. Nach dem Motto: "Voila, lieber Bauherr, wir haben Ihnen da mal etwas vorbereitet. Wir hoffen, Sie sind zufrieden!" Die Welt hat sich weitergedreht. Die Anforderungen an Bauprojekte (in Neubau und Bestand) haben sich verändert. Die Komplexität von Gebäuden und vor allem der Gebäudetechnik, der Technischen Gebäudeausrüstung (Stichwort: Energieeffizienz, Ökobilanz, Automation und Digitalisierung) haben sich gesteigert. Und: Die Bedürfnisse des Investierenden haben sich verändert (Stichwort: Transparenz). Nicht zuletzt die letztgenannte Erkenntnis muss dazu führen, dass man die eigene Denk- und Arbeitsweise hinterleuchtet.

BIM ist damit keine Erfindung der Generation 4.0 oder digitalisierungsaffiner Kräfte, sondern doch eher ein Überbegriff für eine notwendige Planungs-, Bau- und Betriebsweise. BIM ist keine Revolution, sondern im Grunde eine wichtige Erkenntnis im Sinne von besseren Gebäuden und besserer Gebäudetechnik, die dem späteren Nutzer dienen bei der Bewältigung seiner individuellen Aufgaben (z.B. Wohnen, Arbeiten, Lernen). BIM steht damit für eine (neue) Kultur im Bausektor. Aus diesem Grunde wäre es absolut schädlich, wenn der anfängliche BIM-Hype nun umschlagen würde in ein undefiniertes Misstrauen gegenüber dem Thema.

"Vor diesem Hintergrund haben wir frühzeitig angefangen, uns mit neuen Planungsmethoden auseinanderzusetzen. BIM sehen wir nicht nur als ein Muss, sondern als eine Chance für die praktische Planungstätigkeit. Wie bei vielen anderen auch, gehört die 3D-Konstruktion bereits seit Jahren zum Standardleistungspaket. Die praktische Anwendung der BIM-Methode geht aber viel weiter. BIM kann mehr. Was davon sinnvoll und wirtschaftlich einsetzbar ist und wie schnell man neue Methoden einführen möchte, das sollte jedes Büro für sich herausfinden und festlegen. Aktuell befinden sich unsere ersten BIM-Projekte in der Bauphase und viele andere werden derzeit geplant", so Jens Reineke, Geschäftsführer der BFT Planung GmbH, in seinem Vortrag "BIM – gelebte Praxis erleben".

Jens Reineke, BFT Planung, während seines Vortrags beim 1. Kolloquium
Quelle: Robert Donnerbauer
Jens Reineke, BFT Planung: "Aktuell befinden sich unsere ersten BIM-Projekte in der Bauphase und viele andere werden derzeit geplant."

Mittwoch, 16.05.2018

Jörg Gamperling
Von Jörg Gamperling
Chefredaktion HeizungsJournal