Die Gebäudehülle – vom Bedürfnis zum Bedarf

Foto: Das hohe Flächengewicht zweischaliger Wände weist eine hohe thermische Trägheit auf, die dem
sommerlichen Wärmeschutz zugutekommt und sich positiv auf die akustischen Eigenschaften auswirkt.
Quelle: Egon Notermans
Aufgrund des hohen Flächengewichtes weisen zweischalige Wände eine hohe thermische Trägheit auf, die dem sommerlichen Wärmeschutz zugutekommt und sich positiv auf die akustischen Eigenschaften auswirkt.

Zweischalige Wand

Der zweischalige Wandaufbau erscheint auf den ersten Blick verwunderlich, denn hier wird der inneren Wand eine weitere hinzugefügt. Dabei werden in die tragende Wand alle anfallenden Kräfte eingeleitet, während die äußere die Aufgabe des Wetterschutzes sowie repräsentative Pflichten übernimmt. Die Dämmung wird von außen auf die tragende Wand aufgebracht. Zwischen dieser und der Vorsatzschale kann eine Luftschicht (mindestens 4 cm) eingeplant werden, welche eventuell eingetragene Feuchtigkeit ablüftet und im Sommer für eine Hinterlüftung der aufgeheizten Vorsatzschale sorgt. Beim klassischen Wandaufbau muss darauf geachtet werden, dass der Dampfdiffusionswiderstand der Baumaterialien von innen nach außen abnimmt. Entfällt die Luftschicht, spricht man von einer Kerndämmung. Bei dieser kommt es darauf an, hydrophobierende (wasserabweisende) Dämmmaterialien zu verwenden, damit Kondensfeuchte von der Außenschale nicht in die Dämmung gelangen und so die Dämmwirkung herabsetzen kann. Aufgrund des hohen Flächengewichtes weisen zweischalige Wände eine hohe thermische Trägheit auf, die dem sommerlichen Wärmeschutz (Phasenverschiebung) zugutekommt und sich positiv auf die akustischen Eigenschaften auswirkt. Natürlich erfordert diese Bauweise einen gewissen baulichen Aufwand und große Sorgfalt bei der Detailausbildung, was sich auch in den Kosten niederschlägt. Diesen gegenüber steht jedoch in der Regel ein werthaltiges Gebäude mit guten bauphysikalischen Eigenschaften.

Vorgehängte Hinterlüftete Fassade

Bei der Vorgehängten Hinterlüfteten Fassade (VHF) handelt es sich um die jüngste der drei Konstruktionsweisen, die den Versuch unternimmt, die Vorteile mehrerer Bauweisen zusammenzubringen: Auf eine tragende Wand wird die Dämmung aufgebracht – und eine leichte Unterkonstruktion, die aus Stahl-, Aluminiumprofilen oder Holz bestehen kann. Diese nimmt die eigentlichen Fassadenelemente so auf, dass diese ausreichend hinterlüftet werden. Auf diese Weise entsteht ebenfalls eine „Zweischaligkeit“, welche aber nicht vorgestellt, sondern vorgehängt und dabei so leicht ist, dass sie bis in große Höhen geführt werden kann. Durch die freie Wählbarkeit des Abstandes von Gebäudehülle und tragender Wand kann die Dämmdicke den Anforderungen entsprechend ausfallen, in jedem Fall aber sind Dämmung und Konstruktion durch die Fassadenelemente geschützt. Diese können aus verschiedenen Materialien bestehen. Verbreitet sind solche aus HPL (High Pressure Laminate), Faserzement, Metall, Schiefertafeln und Aluminiumverbundmaterial. Letztere lassen sich nieten, verschrauben und, nicht sichtbar befestigt, als Kassetten einhängen. Eine VHF bietet durch den modularen Aufbau und die Trennung der Funktionen Statik, Dämmung und Wetterschutz die Möglichkeit, leichte und wandelbare Fassaden zu bauen – und zwar vom Wolkenkratzer bis zum Einfamilienhaus. Bei Veränderungen oder dem Rückbau der Fassade am Ende der Nutzungsdauer liegen die einzelnen Elemente der VHF sortenrein getrennt vor und sind damit voll recycelbar.

Foto: Die technischen und gestalterischen Möglichkeiten sind heutzutage nahezu unüberschaubar. So werden Fassaden und Wände beispielsweise begrünt, um auch in den Innenräumen durch vertikale Bepflanzungen ein angenehmeres Raumklima entstehen zu lassen.
Quelle: Sempergreen
Die technischen und gestalterischen Möglichkeiten, die heute bei der Planung einer Fassade zur Verfügung stehen, sind nahezu unüberschaubar. So werden Fassaden und Wände beispielsweise begrünt, um auch in den Innenräumen durch vertikale Bepflanzungen ein angenehmeres Raumklima entstehen zu lassen.

Fassade und Funktion

Neben dem reinen Wetterschutz erfüllen Fassaden längst eine Vielzahl von technischen und gestalterischen Aufgaben. So tragen zum Beispiel Photovoltaik-Elemente auch auf entsprechend exponierten Fassaden häufig zur Deckung des Energiebedarfs bei. Tageslichtsysteme fangen mit speziellen Kuppeln eben dieses ein und leiten es in das Innere von Gebäuden. Sogenannte Klimafassaden verfügen über eine weitere, meist gläserne, geschlossene Hülle, innerhalb derer im Sommer durch aufsteigende warme Luft ein Kamineffekt entsteht, der das Gebäude kühlen soll.

Fassaden werden begrünt, ebenso wie Dächer, und auch in Innenräumen entsteht durch vertikale Bepflanzungen ein angenehmeres Raumklima. Medienfassaden ziehen die Aufmerksamkeit durch Lichtinstallationen oder LED-Bildschirme auf sich und transportieren Werbebotschaften oder dienen der Kunst. Lichtinstallationen über ganze Fassadenflächen schaffen es sogar, im urbanen Raum, inmitten eines Meeres von Lampen und Leuchten, einzelne Gebäude temporär hervorzuheben. Und inzwischen werden sogar Gebäude im Betondruck errichtet, bei denen der Herstellungsprozess (noch) direkt an der Gebäudehülle abzulesen ist.

Dienstag, 31.08.2021

Von Kay Rosansky
Architekt und Journalist
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