Zurück in die Zukunft

Integrale Planung bietet Zeit und Raum für Generalisten

Die Digitalisierung des Lebens schreitet rasant voran und macht auch vor den vielschichtigen Aufgaben des Planens, Bauens und Betreibens von Gebäuden in Deutschland nicht halt. Allerdings kann man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass gerade im Herzen Mitteleuropas derzeit immer noch ein Zwischenstopp eingelegt wird bei den Bemühungen, Bau- und Planungsprozesse zu optimieren und in Wertschöpfungsketten zu denken.

Ein kurzer Blick zurück in die griechische und römische Bautradition macht klar, dass der technische Wandel unserer Tage keine Kulturrevolution des Bauens ist, die ihre „Kinder“ verschlingt, sondern dass er auf einem gewachsenen Wertekanon beruht, der in seinen Grundfesten seit mehr als 2.000 Jahren Bestand hat.

Während in Großbritannien auf Ministeriumsebene bereits vor mehreren Jahren die Voraussetzungen geschaffen wurden, um die Digitalisierung von Bauprojekten mittels Building Information Modeling (BIM) voranzutreiben, zeigt man sich in der Bundesrepublik immer noch zögerlich. Die Bereitschaft, sich mit Digitalisierungsthemen konkret zu befassen, wächst zwar deutlich auch bei kleineren Unternehmen, ist im europäischen und weltweiten Kontext aber immer noch relativ gering. Vordergründig erscheinen vielen die damit verbundenen ­Investitionen in entsprechende Softwarelösungen, der Aufwand für die Einarbeitung in die Programme und die Frage, ob sich ein stärkeres Engagement überhaupt schon zum jetzigen Zeitpunkt lohnt, bedenkenswert. Der altbekannte Spruch leidgeprüfter Generationen von Betriebssystemnutzern („never touch a running system“) ist dem deutschen Sicherheitsdenken da offenbar noch sehr nahe…

Außenansicht eines modernen Verwaltungsgebäudes
Quelle: Mitsubishi Electric
Moderne Gebäude, wie hier die Mitsubishi Electric Zentrale in Ratingen, sind ohne integrale Planung nicht mehr sinnvoll zu realisieren. Die Qualitätskriterien für ein „gutes“, den Menschen dienendes Gebäude, haben sich allerdings seit den Zeiten des römischen Architekten und Ingenieurs Vitruv nicht wesentlich geändert.

Dabei lohnt sich ein kurzer Blick zurück in die Geschichte des antiken Planens und Bauens, die von neuen architek­tonisch-handwerklich-technischen Entwicklungen, der Verwendung neuer Materialien – die neue Gebäudeformen und Dimensionen erstmals möglich machten – und die überhaupt von einem permanenten Zuwachs an Kenntnissen gekennzeichnet ist, um zu sehen, dass der technische Wandel immer schon Teil des Bauens gewesen ist. Denn das Bauen war in dem Netzwerk zwischen Bauherrn, Architekt und Handwerkern zu allen Zeiten eine komplexe Aufgabe, zu der einfache Tätigkeiten ebenso gehörten wie die Tätigkeiten von Spezialisten und Künstlern zur Herstellung besonderer Werkstücke. Das galt für die Anlage von Räumen im Wohnhaus, bei der die komplexen Funktionen des Wohnens menschengerecht umgesetzt werden mussten, ebenso wie bei der funktionalen oder repräsentativen Gestaltung vielschichtiger städtischer Funktionsbauten und erst recht bei der Umsetzung von Sakralarchitektur. Auch damals galt es übrigens schon, die Vorstellungen der Bauherren mit den jeweiligen technischen und finanziellen Möglichkeiten in Einklang zu bringen.

Bauprozessablauf in der griechischen Antike

Über Kultur- und Handelskontakte in den angrenzenden Mittelmeerraum kamen die Griechen schon früh in Kontakt mit den umgebenden Hochkulturen und sie setzten die dort empfangenen Anregungen unter anderem in eigene Bauformen und Bautypen um, die schließlich zu einer Kanonisierung der Bauordnungen führte. Die Leistung griechischer Architekten und Bauleute liegt darin, im Laufe der Jahrhunderte aus diesen Bauordnungen Systeme entwickelt zu haben, innerhalb derer die Dimensionierung fast aller Bauglieder in Abhängigkeitsbeziehungen zueinander stehen. Soweit es sich um größere Bauaufgaben handelte, treten in der Frühzeit meist nur Tyrannen, ­Könige oder Aristo­kraten als Bauherren in Erscheinung. Im 5. Jahrhundert vor Christus, zurzeit des Übergangs zu demokratischen Polis-Verfassungen, trat an die Stelle einzelner Auftraggeber dann die Gesamtheit der Bürger als Bauherr auf. Diese waren vertreten durch den Rat oder städtische Beamtenkollegien, die für Bauvorhaben der Polis einzelne Baukommissionen einsetzten. Bei Tempeln waren es hingegen die Tempelverwaltung oder zuständige Priesterkollegien, die entsprechende befristete Kommissionen wählten. Die Kommissionen beaufsichtigten auch die Planung und den Bau­ablauf, hatten aber auch Entscheidungsbefugnisse bezüglich des Umfangs und der Gestaltung des jeweiligen Vorhabens. Sie waren auch für die Beschaffung bestimmter Baumaterialien sowie für eine ordnungsgemäße Finanzwirtschaft zuständig, ebenso für die Auswahl geeigneter Lieferanten und Handwerker.

Freitag, 30.09.2016

Von Thomas Maischatz
Redaktion, Heizungs-Journal Verlags-GmbH