Hohe Ansprüche? Die stellt man bevorzugt an andere!

Wer aktuell, etwa seit den obligatorischen 100 Tagen, das Wirken im „politischen Berlin“ verfolgt, möchte sich so langsam nur noch wegschmeißen. Also zumindest, wenn es um konkrete Energie- und Klimapolitik geht...

Wäre das politische Geblubber und Wortgeklingel dazu Feinstaub, gäbe es zwischen Flensburg und dem Bodensee schon seit mindestens 98 Tagen ein absolutes 24/7-Fahrverbot sogar für Pferdekutschen, Tretroller und Modelleisenbahnen…

„Selten ist die 100-Tage-Bilanz einer neuen Bundesregierung so mau ausgefallen, wie bei der dritten schwarz-roten Koalition unter Bundeskanzlerin Merkel“, schimpft denn auch ZVSHK-Hauptgeschäftsführer Helmut Bramann. Und merkt an, dass die Politik auf zig konkrete Fragen nur „mit bloßer Machbarkeitsrhetorik verbunden mit Prioritätsverschiebungen“ reagiere. So ziemlich alles scheine „im Moment für Berlin wichtiger zu sein als die Förderung von Energieeffizienz und Klimaschutz“.

Gleichzeitig lese ich aber auch (mal wieder), dass dasselbe politische Berlin – das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur – ab 2020 bei Bauprojekten des Bundes größer 5 Millionen Euro die Methode BIM angewandt wissen möchte - also die Planung und Ausschreibung seiner Projekte bei kürzester Zeitachse sofort ganz fortschrittlich ganz hoch hängt.

Leider bekommt die öffentliche Hand bekanntlich schon jetzt keine Hand-Werker mehr, weil die Baubranche boomt und „das Vergaberecht der Städte und Gemeinden zu kompliziert ist“, moniert der Zentralverband des Handwerks (ZDH). Und wenn man doch einen findet, der das Pinkelbecken im Kindergarten (ab 2020 BIM-konform) auswechselt, dann wird der auch noch schlecht gezahlt, hat der Bundesverbands Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V. (BDIU) festgestellt: „Trotz sprudelnder Steuereinnahmen lassen sich Behörden mancherorts besonders lange Zeit, fällige Forderungen zu bedienen. Unter anderem Handwerker und andere Dienstleister haben dann oft das Nachsehen“, kritisiert vor wenigen Monaten erst deren Präsidentin Kirsten Pedd. Damit entwickle sich die Rechnungstreue von Behörden völlig konträr zur allgemeinen Zahlungsmoral…

Zusammengefasst: Wir bekommen selber zwar ganz viel nicht wirklich auf die Kette, stellen aber besonders hohe Ansprüche an die Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit anderer! Und da sprechen wir noch nicht von den populistischen Forderungen an die Autoindustrie zur möglichst sofortigen Umrüstung von Alt-Dieseln, während man selbst die deutlichen Mahnungen aus dem (ebenfalls politischen) Brüssel zur ständigen Überschreitung der Stickoxid-Grenzwerte seit Jahren geflissentlich ignoriert.

Lässt sich das alles eigentlich mittlerweile wirklich unter dem Sammelbegriff „Politik“ subsumieren? Oder gehört es nicht schon vielmehr in die Kategorie „schleichender Realitätsverlust bei gleichzeitig überbordender Selbstüberschätzung“? So oder so ist es ein Dauerärgernis, über das man elegant hinweg sehen könnte – wenn nicht hier an vielen, vielen Stellen die Weichen für eine gesellschaftliche Zukunft gestellt würden, die sich derart unkoordiniert, unstrukturiert und vor allem wenig zielführend wohl keiner wünscht…

Dienstag, 24.07.2018

Von Eckhard Martin
Chefredaktion SanitärJournal