Die Gebäudehülle – vom Bedürfnis zum Bedarf

Wenn man sich die heutige Bautätigkeit anschaut, ist es kaum vorstellbar, wie das alles einst seinen Anfang genommen hat. Und doch ist bei genauem Hinschauen so mancher historische Entwicklungssprung auch noch heute an Gebäuden ablesbar.

Foto: Medienfassade von Alucobond am Casino Bregenz.
Quelle: Marcel Mayer
Die Fassade ist das Gesicht eines Gebäudes und sollte deshalb auch zu dem Gebäude und seiner Aufgabe passen. Außerdem müssen alle technischen Aufgaben, welche die Fassade übernehmen soll, im Inneren des Gebäudes ihre infrastrukturelle Entsprechung und Anbindung finden. Im Bild: Eine aufwändige Medienfassade von Alucobond am Casino Bregenz.

Die ersten Menschen kannten weder Gebäude, noch konnten sie sich den Luxus leisten, über das Wohnen nachzudenken – bei ihnen ging es schlicht ums Überleben. Wurde eine Umgebung zu unwirtlich, hatten sie die Chance, darauf zu reagieren oder zu fliehen. Insofern waren die ersten baulichen Ansätze nichts anderes als einfache Schutzvorrichtungen oder reine Glücksfälle. Es galt, sich umzusehen und mit dem Vorhandenen etwas anzufangen. So bauten die Inuit ihre Iglus aus dem Schnee, der sie umgab, um sich vor der Kälte zu schützen, wie die in Tunesien ansässigen Berber vor der Hitze in die berühmten Höhlen von Matmata flüchteten. Übrigens, beide archaischen Lösungen sind noch heute in Betrieb.

Die klimatischen Bedingungen spielten in dieser Entwicklung eine gewichtige Rolle, denn wo weder Hitze noch Kälte eine Gefahr darstellten, konnte der Wetterschutz entsprechend einfach ausfallen. Viele Menschen, beispielsweise auf Madagaskar, leben in einfachsten Palmwedelhütten ohne Strom oder fließendes Wasser und würden sich doch niemals selbst als arm betrachten. Ihr ganzes Leben findet im Freien statt und sie brauchen tatsächlich nicht mehr als einen einfachen Unterschlupf für die Nacht.

Von dieser Schlichtheit haben wir uns weit entfernt, doch auch hierzulande ist bei der Errichtung der „eigenen vier Wände“ – wie anderer Gebäude – häufig ein regionaler Bezug zu erkennen. Und zwar von der Auswahl der Baustoffe bis hin zur Konstruktion der Wandbildner. Und es lassen sich gewisse „Moden“ beobachten, ebenso wie deren periodische Wiederkehr. Wenn auch die Zeiträume im Bauwesen weiter gefasst sind als auf dem Laufsteg, so erleben doch beispielsweise Holz, Stahl, Glas, Naturstein nicht nur regional, sondern auch temporär gestaffelt unterschiedliche Höhepunkte der Beliebtheit.

Einschalige Wand

Bei der einschaligen Wand handelt es sich zunächst um eine archetypische Konstruktion, was nicht heißt, dass sie nicht mehr zeitgemäß wäre. Diese ursprüngliche Wand wurde aus dem vorhandenen Material errichtet, etwa aus Holz, Feldsteinen oder Ziegeln. Ihre bauphysikalischen Eigenschaften leiteten sich aus dem Material selbst ab sowie aus dem Geschick ihrer Verarbeiter – daran hat sich ebenfalls nichts geändert. So verfügt zum Beispiel eine sauber aus Blockbohlen gefügte Wand mit ihren niedrigen λ-Werten natürlicherweise über recht gute Dämmwerte (der Lambda-Wert bezeichnet die Wärmeleitfähigkeit eines Materials, ausgedrückt in W/mK. Je geringer der Wert, desto weniger Wärme wird über das Material transportiert), während eine massive, aus Naturstein gemauerte Wand, mit ihren hohen c-Werten eher den sommerlichen Wärmeschutz unterstützt (die spezifische Wärmekapazität bezeichnet die Wärmespeicherfähigkeit eines Materials, ausgedrückt in J/kgK. Je höher dieser Wert, desto länger speichert ein Material die Wärme).

Die heutigen Anforderungen, insbesondere an den Wärmeschutz, führten zu zahlreichen Entwicklungen an und in der Mauer. Mit Dämmung gefüllte Hochlochziegel bringen die Dämmung zum Beispiel bereits in die tragende Wand. Dabei sind jedoch stets die Eigenschaften Dämmfähigkeit und Druckfestigkeit abzuwägen, da sie sich wechselseitig beeinflussen. Ganz einfach ausgedrückt, nimmt der eine Wert ab, nimmt der andere tendenziell zu, was sich jeweils auf die Dämmleistung bzw. auf die Statik auswirkt. Häufig wird auf ein einschaliges Mauerwerk als Dämmung ein Wärmedämmverbundsystem (WDVS) aufgebracht. Dieses besteht grundsätzlich aus der Dämmung sowie einer Armierung mit aufgebrachter Putzschicht. Als Dämmmaterial kommen Holzfasern, EPS (Expandierter Polystyrol-Hartschaum) und Mineralwolle zum Einsatz. WDVS sind kostengünstig, lassen sich leicht verarbeiten und auch im Bestand einsetzen. Hinsichtlich ihres Brandverhaltens sowie der Nachhaltigkeit unterscheiden sich die Systeme zum Teil deutlich voneinander. Ganz allgemein gilt, dass WDVS mechanischer Beanspruchung wenig entgegenzusetzen haben. Auch das klassische Fachwerkhaus verfügt über einen einschaligen Wandaufbau. Hier übernimmt eine Holzbalkenkonstruk-tion die statischen Aufgaben, während deren Gefache üblicherweise mit Lehmputz verschlossen wurden oder die Fensterrahmen aufnahmen.

Dienstag, 31.08.2021

Von Kay Rosansky
Architekt und Journalist
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